Ernst Fries
Der Ponte Nomentano nördlich von Rom; Blattstudien, 1824
Ernst Fries
Der Ponte Nomentano nördlich von Rom; Blattstudien, 1824
Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg, Heidelberg
1823 reiste der junge Heidelberger Maler Ernst Fries nach Rom, wo er sich den Kreisen um Joseph Anton Koch und Johann Martin von Rohden anschloss. Zu seinen engen Freunden in Italien gehörte auch der junge Camille Corot, mit dem er zahlreiche Studienausflüge in die Campagna unternahm. Auf einer dieser Exkursionen könnte dieses aussergewöhnliche Werk entstanden sein.
Die Darstellung zeigt eine Landschaft nördlich von Rom mit dem Ponte Nomentano, der sich über den Fluss spannt und dessen Spiegelung Fries im Wasser gekonnt festhielt. Im Hintergrund erheben sich schneebedeckte Berggipfel unter einem wolkenlosen Himmel. Besonders bemerkenswert ist der fragmentarische Charakter der Studie. Während der obere Teil des Blattes als sorgfältig ausgeführte Ölstudie erscheint und die Komposition bereits klar angelegt ist, bleibt der untere Bereich weitgehend unbearbeitet. Das Papier bleibt sichtbar, Bleistiftskizzen, Notizen und sogar die Umrisse einer kleinen Figur treten hervor. Drei Blattstudien sowie kräftige grüne Pinselproben deuten darauf hin, dass Fries hier unterschiedliche Farbwirkungen erprobte.
In der europäischen Landschaftsmalerei spielte das Konzept des non finito – des Unvollendeten – lange Zeit kaum eine Rolle. Landschaften wurden meist als geschlossene und harmonische Bildräume konzipiert. Mit der Romantik begannen die Künstler, die Natur gezielt ausschnitthaft und fragmentarisch darzustellen. Fries’ Studie wirft damit zugleich die Frage auf, wann ein Kunstwerk überhaupt als «fertig» gilt und wer darüber entscheidet. Zur Zeit ihrer Entstehung galten solche Ölstudien nicht als eigenständige Kunstwerke, sondern vor allem als Arbeitsmaterial. Erst im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurden sie gesammelt, ausgestellt und als Werke von eigenem ästhetischem Wert geschätzt.
Die Studie gewährt einen seltenen Einblick in den Entstehungsprozess eines Gemäldes. Möglicherweise hielt der Künstler zunächst die Landschaft fest und nutzte das Blatt später erneut für weitere Skizzen und Farbtests. Die sichtbaren Leerstellen verleihen der Darstellung eine besondere Offenheit: Die Vollendung bleibt der Vorstellungskraft der Betrachtenden überlassen. Gerade darin liegt die Besonderheit dieser Studie. Sie zeigt nicht nur eine Landschaft, sondern macht den kreativen Prozess selbst sichtbar. In den Skizzen, Korrekturen und Leerstellen offenbaren sich die Arbeitsschritte des Künstlers und eröffnen einen ungewöhnlich unmittelbaren Zugang zu seinem Blick auf die Natur.