Achille-Etna Michallon
Blick auf den Ponte Rotto in Rom, 1819
Achille-Etna Michallon
Blick auf den Ponte Rotto in Rom, 1819
Privatsammlung Heidelberg
Achille-Etna Michallon setzte die Ruine des 174 v. Chr. über den Tiber erbauten Pons Aemilius eindrucksvoll und beinahe greifbar in Szene. Seit ihrer teilweisen Zerstörung durch ein Hochwasser im Jahr 1598 wird die Brücke auch Ponte Rotto, die «zerbrochene Brücke», genannt. Die antiken Monumente Roms riefen bereits seit der Renaissance grosse Bewunderung bei Künstlern hervor. Ihre Ruinen galten als Sinnbilder der Grösse der Antike und wurden zu beliebten Motiven der Landschafts- und Vedutenmalerei.
Die Ölstudie zeigt Michallons aussergewöhnliches Gespür für Licht und Atmosphäre. Wechselnde Lichtreflexe und Schatten verleihen den steinernen Pfeilern und Bögen eine bemerkenswerte Plastizität. Zugleich macht der Künstler den fortschreitenden Verfall sichtbar: Aus den Mauerfugen spriesst Vegetation hervor, die er mit wenigen raschen grünen Pinselstrichen andeutet. Im Sonnenlicht hebt sich der Portikus einer kleinen Kapelle auf der Brückenruine hervor, bekrönt von einem Kreuz – ein Hinweis auf die Christianisierung antiker Bauwerke im nachantiken Rom. Die umliegenden Gebäude, die Uferböschung und die sich auftürmenden Gewitterwolken sind in freiem Pinselduktus erfasst und verdichten die atmosphärische Wirkung der Szene.
Die Verbindung von antiker Ruine und Vegetation gehört zu den zentralen Motiven der frühen Landschaftsmalerei. Bei Michallon dient sie nicht nur als pittoreskes Detail, sondern als Gegenüberstellung von Natur und Geschichte: Während die von Menschen errichteten Bauwerke zerfallen, erobert die Natur sie zurück und integriert sie in die Landschaft.
Michallon studierte in Paris bei Jacques-Louis David und Pierre-Henri de Valenciennes, dessen Freilichtstudien aus Rom ihn nachhaltig prägten. Nach seinem Italienaufenthalt wurde er zu einer wichtigen Figur der frühen Freilichtmalerei und unterrichtete kurz vor seinem frühen Tod im Jahr 1822 auch den jungen Camille Corot.